Aus: Im Reiche des Kabaka

 

Wir konnten beruhigt von Ugandas Hauptstadt Abschied nehmen, denn endlich erreichte uns aus Bukoba, bereits Deutsch-Ostafrika, die Nachricht, dass Hein Dingler dort wohlbehalten eingetroffen war. Am ersten Tage ging es bis nach Jinja am Viktoria-Nil, den wir auf der neuen Eisenbahnbrücke überschritten. Wir fuhren aber nicht in den Ort hinein, sondern blieben mit unserem Lager am Fluss, an den Riponfällen. Dicht am vielleicht 50 Meter hohen Steilhang des Flusses, genau oberhalb der zweiten Wasserfälle stand unser sturmerprobtes Klepperzelt. Über uns zogen am Morgen und am Abend Scharen von Enten und Gänsen mit hartem Flügelschlag landeinwärts oder zurück zum blau schimmernden Viktoriasee. Wir mieden mit unserem Lager absichtlich die Nähe des wenig schönen Städtchens um uns das herrliche Landschaftsbild nicht zerstören zu lassen. Von dieser Stelle habe ich als Kind fantasiert und als Mann in stillen Stunden geträumt. Jetzt waren wir da und vielleicht im tiefsten Innern etwas enttäuscht. War es die Eisenbahnbrücke, der nahe Ort und die vielen Menschen, die diese Enttäuschung bewirkten? Möglich! Ich tröstete mich damit, dass die große Romantik meiner Jugendträume doch noch irgendwie an der Nilquelle zu finden sei. Wenn auch nicht hier am breiten Abfluss des Viktoriasees, so doch weiter weg im Südwesten. An der wirklichen Quelle des Riesenflusses, an der Quelle des Kagera. Dort auf den wild zerklüfteten, von Urwäldern überwucherten Höhen von Ruanda, im nordwestlichen Zipfel unserer Kolonie, unweit des Kiwusees. Wir filmten und schrieben, angelten und badeten. Mit wechselndem Erfolg. Nach zwei Tagen waren die Fahrzeuge wieder beladen und wir wollten weiter. Vom letzten Regen war der lehmige, grasbewachsene Boden unangenehm glatt geworden. Eine kleine Steigung musste genommen werden, bevor man auf den Fußweg kam. Mit Vollgas und etwas Glück schaffte ich es ganz gut. Während ich einige Gepäckstücke festschnüre, startet Ernst Mielke seine Standard. "Dreh ordentlich auf, Pepo", rufe ich, "verdammt glatt!" Er nickt: "Verstanden", und fährt an. Mitten auf der kleinen Bodenwelle, den Steilhang in sechs Metern Entfernung genau im Rücken, würgt sich der Motor ab und die Maschine beginnt rückwärts zu rollen. Pepo tritt blitzschnell auf die Fußbremse, rutscht aber mit den lehmverklebten Stiefeln ab. Ich stehe wie versteinert. Motuma ist wieder aschgrau, wie damals bei Tereteina. Unaufhaltsam schiebt die Maschine weiter - drei Meter vom Hang - jetzt noch zwei! Ich sehe keine Rettung mehr. In fünfzig Meter Tiefe warten die kantigen Felsen auf ihr Opfer. Verzweifelt stemmt Ernst Mielke sich mit den Füßen gegen den glatten Boden er rutscht weiter, immer noch weiter. Noch einen Meter - "Runter von der Klamotte!", überschrillt sich meine Stimme. Zu spät, jetzt ist das Hinterrad genau am Hang und - bleibt stehen! Drei Menschen sind zu Bildsäulen erstarrt. Ich und Motuma oben am Wege und kaum vierzig Meter ab Ernst Mielke auf der Maschine, von der bereits ein Stück über den todbringenden Steilhang hinausragt. Pfui Deibel! Dann löst sich unsere Starre. "Stillsitzen!", rufe ich und wir stürzen vorwärts. "Fest zupacken!", ist meine Weisung für Motuma. Die Absätze schräg in den Boden stemmend greifen wir eisern zu. Pepo und sein Gespann sind endgültig gerettet. Zitternd krabbelt der arme Junge vom Tank herunter, auf den er bei der Abwehr gerutscht ist. An einer einzigen Stelle, am äußersten Rande des Abgrundes, guckt ein Stück Felsen kaum handbreit aus dem Lehmboden heraus. Ausgerechnet gegen diesen Stein musste das Hinterrad der Maschine fahren um ihren Steuermann vor dem sicheren Tod zu bewahren. "Dank deinem Schöpfer, Lieber! Du musst doch ein verdammt schlechter Kerl sein, dass man dich dort oben noch nicht brauchen kann. Komm, beruhige dich erst mal etwas!" Und ich stecke ihm meine brennende Zigarette, die mir vergessen in einem Mundwinkel hängt, zwischen die blutleeren Lippen.