Ernst Mielke und ich bauen das Zelt, das Lager auf. Motuma geht zum nahen Bach um den Wassersack zu lullen. Plötzlich kommt er angelaufen, grau im Gesicht und atemlos. "Bwana, am Bach ist ein Leopard!" Das graue Gesicht, die Blässe des Schwarzen, bürgt mir für die Wahrheit seiner Worte. Ich nehme die Büchse, entsichere und sage: "Komm, Motuma!" So einfach war das nun nicht. Erst als ich vor seinen Augen nochmals die Büchse sichere und wieder entsichere, folgt er mir, vorsichtshalber in ehrfürchtigem Abstand von fünf Metern. "Ich komme mit!", sagt Mielke. "Lass nur! Wer weiß, ob er überhaupt noch da ist!" Wir kommen zum Bach. "Wo?" "Er ist weg. Dort neben dem großen Stein kauerte er vorhin." Wir tasten jede Handbreit des jenseitigen Ufers mit den Augen ab ohne etwas Verdächtiges zu erspähen. Motuma muss den einsam am Bach liegenden Wassersack füllen und wir kehren zurück zum Lager. "Na, der war natürlich schon weg, nicht wahr? Wer weiß, was der Affe gesehen hat!" "Dazu war mir sein Schrecken zu groß. Hoffentlich verschont uns das Biest heute Nacht mit seinem Besuch, da wir doch kein Licht haben." "Toi, toi, toi!", ist Mielkes Beschwörungsformel. Motuma kocht zwei frisch geschossene Perlhühner mit Reis und Tomatenpüree. Wir bauen unsere Betten. Es ist fast dunkel, als wir mit dem Essen fertig sind und in unserem Zelt verschwinden. Motuma arbeitet an einem Beiwagen. Er soll noch einen Kasten entleeren und das Gepäck in eine Gummigarage packen, weil wir am nächsten Morgen einen abgebrochenen Bolzen neu einziehen wollen. Wir liegen auf unserem Lager und besprechen bei einer Zigarette unsere Erlebnisse. Ab und zu huscht geisterhaft der Schein von Motumas Taschenlampe über unsere Zeltwand. Es ist jetzt vollkommen dunkel geworden. Plötzlich ein erschreckter Ruf Motumas. Poltern und Klappern am Beiwagenkasten - Ruhe - noch ein paar dumpfe Töne. Wie elektrisiert fahren wir hoch. "Was ist los?" Kurze Pause, dann eine dumpfe Stimme: "Der Leopard, Bwana!" "Wo bist du denn?", wir beide fast wie aus einem Munde. "Im Beiwagen, Bwana!" Wir sind hoch! Mielke hat schnell eine Pertrix-Lampe ergriffen, ich die neben mir liegende Büchse. Entsichern! "Wo sahst du ...?" Da stolpert jemand über eine Zeltschnur - die Ecke des Zeltes löst sich. "Ja zum Donnerwetter, was soll denn die Schweinerei! Bist du verrückt, du Lausejunge?" "Bwana, was ist? Ich bin doch im Beiwagen!" Nun wissen wir, wer unseren Zeltpflock soeben ausriss. Der verdammte Leopard. Na warte, Bürschchen! Mit Anspannung aller Sinne öffnen wir langsam die Druckknöpfe des Eingangs. Die Büchse im Anschlag, den blendenden Lichtkegel nach vorn. Ich komme mir so vor wie im Felde damals, als ich fest im Drahtverhau hing und die Dunkelheit plötzlich durch eine Leuchtkugel zerrissen wurde. Kein Feind zu sehen, aber man wusste ihn wach und nahe und wartete fast auf den erlösenden Schlag eines Infanteriegeschosses. Ähnlich jetzt. Die Katze weiß, wir sind hier, sie sieht uns eher als wir sie. Wird nicht gleich von irgendwoher ein wütender Klumpen Fleisch vernichtend auf einen von uns beiden herniedersausen? So ganz leicht soll er es aber nicht haben. Fester krampft sich die Faust um den Kolbenhals. Wir sind draußen, leuchten langsam nach links. "Da sind die Spuren!" "Junge, muss das ein Bursche sein!" Zwei Schritte weiter, der grelle Lichtkegel des Leuchtstabes erfasst jetzt schon den ersten Busch. Da! Plötzlich blitzt etwas auf. Zwei scharfe Lichter am Boden, seine Augen! Ich ziele. "Mach schnell!", zischt Ernst. Die leuchtenden Punkte gehen tiefer, als ob das Tier zum Sprung ansetzt. Von den nächsten drei Sekunden hängt alles ab! Nur ruhig bleiben! Donnernd kracht die wackere Brenneke! Die Augen sind weg! Mit einem einzigen Ruck ist das Gewehr wieder geladen und auch schon im Anschlag. Nichts rührt sich. Wir warten. Eine Minute, zwei, fünf. Solche Minuten werden zu Stunden, vielleicht Tagen. Dann geht es vorwärts. Langsam, Schritt vor Schritt. "Da liegt er!" Ein heller Fleck am Fuße des Dornstrauchs, regungslos. "Schieß den Revolver ab! In die Luft. Ich bin schussbereit. Wenn er sich rührt, dann bewillige ich ihm noch eine Kugel." Mein Freund schießt. Ich habe den Finger am Abzug. Regungslos liegt die riesige Raubkatze. Meine erste Kugel hat also gesessen. Wir machen kehrt und gehen zurück ins Zelt. "Bas, Bwana?", ertönt Motumas lakonische Grabesstimme fragend. "Ndio, bas!", unsere Antwort. "Fertig" nennt der gute Junge das. Warum auch nicht? Bis wir die von unserem Abenteuer erzeugte Munterkeit überwunden hatten, vergingen etwa noch drei Zigarettenlängen. Dann schliefen wir ein. Am nächsten Morgen war von dem Frühaufsteher Motuma nichts zu sehen oder zu hören. Die Neugierde trieb uns hoch. Wir gingen an den Busch um uns den Ruhestörer anzusehen. Stocksteif lag ein kapitaler Leopard am Boden. Der Einschuss war fast mitten im rechten Auge. Die Kugel hatte den Burschen sofort erledigt. Wir beglückwünschten uns und steuerten auf Motumas Bettkasten zu. Tiefe Sägelaute schallten uns entgegen. Wir öffneten den Deckel des Beiwagens und es schlug uns eine Wolke entgegen, die eine glückliche Mischung von zehn Stunden Schlaf und einem Schwarzen darstellten. Der Arbeitseifer unseres Boys ging auffälligerweise in der nächsten Zeit so weit, dass er möglichst jeden Abend einen Kasten entleeren wollte um nachzusehen, ob nicht wieder irgendein Bolzen abgebrochen wäre. Es muss sich doch zu schön in dem noch nicht einmal ganz ausgepackten Kasten geschlafen haben!