Leise schrillt mein Wecker. "Aufstehen, Kameraden! Los, raus, es wird Zeit!" Allmählich kommt Leben in unser Lager. Waschen, anziehen und die Fahrzeuge packen. Ein verschlafener Araber holt frisches Nilwasser, das wir wie üblich unabgekocht in unsere Wasserbehälter füllen. Schnell einen Becher kalten Tee und einige getrocknete Datteln als Frühstück. Dann letzte Durchsicht der Fahrzeuge, hier noch einen Riemen etwas fester. "Inshallah!", so Gott will, ruft uns der Araber in das Rattern der Maschinen als Abschiedsgruß zu. Im Gänsemarsch, zuerst die Motorräder mit ihren hoch beladenen Beiwagen, dann der Wagen, so geht es mit laut singenden Motoren vorwärts. Schon jetzt haben wir im Schatten annähernd 45 Grad Hitze. Bis wohin wird das Quecksilber heute noch klettern? Eine bange Frage, die uns alle beschäftigt. Die erste weiche Sandfläche taucht auf. Zweiter Gang, Vollgas! Ich komme glücklich durch, die zweite Maschine auch, nur die dritte bleibt stecken! Der Wagen stoppt, seine Besatzung eilt vorwärts, wir zwei zurück und mit vereinten Kräften schieben wir das stecken gebliebene Fahrzeug heraus. Wenn nur die Hitze nicht so drückend wäre! Dann weiter! Schon die wenigen Minuten Stillstehen haben genügt um die Motorradsättel unter den Sonnenstrahlen glühend heiß werden zu lassen. Im Stehen fahren wir die ersten paar hundert Meter, bis der Fahrwind das Leder ein wenig abgekühlt hat. Holpernd und stoßend kreuzen wir den Bahndamm, der daraufhin schnell hinter uns in der flimmernden Luft am Horizont verschwindet. Ein Steindurchschlag bringt die erste der täglichen Reifenpannen. Ein Kräfteverbrauch, ein kostspieliger Zeitverlust, und es sinkt der Wasserspiegel in den Feldflaschen. Muffiges Nilwasser, wie kannst du so gut schmecken! Heiß, wie frisch gekochter Kaffee - und dennoch, welche Erfrischung für den gemarterten Körper! Nervös zittert die Kompassnadel. Süd-Südost ist zwar unsere Fahrtrichtung, aber bald geht's nach links, bald nach rechts im Zickzack durch die öde, glutüberlagerte Unendlichkeit. Steinharte Wüstengrasbüschel, so weit das Auge reicht. Alles ist übersät mit diesen zähen, kargen Pflanzen. Langsam winden wir uns hindurch. Eine Maschine überschlägt sich hierbei. Sie wird wieder aufgerichtet. Der Fahrer stöhnt, klagt über heftige Schmerzen im Kniegelenk. Was hilft's? Weiter! 48 Grad Hitze, wenig später schon 51, ein Glutkessel des Wahnsinns. Eine Fata Morgana jagt die andere. Wenn man nur noch Sinn für die bizarren Naturschönheiten aufbringen könnte! Ich schaue zurück nach meinen Kameraden. Dort, wo ich noch vor wenigen Sekunden die flimmernde Luft durchfuhr, bedeckt jetzt ein riesiger blauer See die Wüste. Mit haarscharfen Konturen, wie in einem Bergsee, spiegeln sich eine schroffe Gesteinsgruppe und einzelne Felsblöcke in den klaren Scheinfluten. Lautlos gleiten die anderen Fahrzeuge wie halb untergetauchte U-Boote durch die blauen Wasser. Der Letzte der Kolonne, unser Engländerwagen, schwimmt, verzerrt bis zur Unkenntlichkeit, mit den Rädern nach oben auf dem schimmernden See heran. Dann schiebt sich plötzlich eine kleine Wolke vor die Sonne und mit einem letzten Flimmern zerreißt die Fata Morgana. Zurück bleibt die unendliche Weite, die erbarmungslose Wüste. Nach zwei Kilometern will ich Halt machen zu kurzer Rast. Eine weiche Sandfläche taucht auf und ich gebe Vollgas. Mein Motor rast, doch nur mühsam komme ich hindurch. Meine Maschine läuft fast leer. Eine Kupplungspanne! Wohl verölt oder versandet. So wird aus der Erholungspause eine Arbeitspause. Fieberhafte Montage. Nur kein Werkzeug in der Sonne liegen lassen, sonst gibt's verbrannte Finger! Denn 75 Grad und mehr erreichen die Schlüssel unter den brütenden Sonnenstrahlen. Die Freunde liegen inzwischen wie tote Fliegen unter dem Wagen, dem einzigen Schattenspender auf 50 Kilometer Umkreis. Endlich fertig! Schnell noch etwas Wasser, sparsam, nur schluckweise und dann weiter! Das schwerste Stück kommt noch, das wissen wir. Das Wadi Hilmar, ein ziemlich 1 000 Meter breites Trockenflussbett, liegt nicht mehr allzu fern. Mich beherrscht nur noch ein Gedanke: Was wird, was wird? Die beiden Worte vermählen sich mit dem taktmäßigen Rattern meiner Maschine. Was wird, was wird? 54, nein, fast 55 Grad sind es jetzt ... Schnell während der Fahrt ein Schluck Wasser. Dumpf poltern wir vorwärts. Mehrmals bleibt der eine oder andere von uns stecken. Dann taucht ein großes Trockenflussbett auf. Ein Blick zum Tachometer, ja - das kann nur der Wadi el Humar sein! Ich halte an und winke meinen dichtauf folgenden Kameraden ebenfalls zu stoppen. Doch zu spät! Maschine zwei rast kaum 50 Meter weiter links hinein in das Unglücksflussbett und entschwindet hinter einer Sandwehe unseren Blicken. Wir anderen suchen nach einer besseren Übergangsstelle, bis vier oder fünf Kilometer flussaufwärts, erfolglos! Beunruhigt drehen wir zwei Motorradfahrer um, wollen zurück zum Ausgangspunkt. Nur die Engländer suchen weiter: Hoffentlich haben sie Glück! Gleich müssen wir an der Übergangsstelle von Maschine zwei sein. Ja, hier sind ganz deutlich die Spuren. Was nun? Dort etwas weiter links scheint eine Durchfahrt vielleicht wenigstens im Anfang möglich. Also los, Anlauf nehmen und ein letzter Zuruf: "Viel Glück mein Junge!", der schon vom Aufheulen der Motoren übertönt wird. Mit zusammengebissenen Zähnen, die Nerven in höchster Anspannung, steuere ich hinein ins Flussbett. In Schlangenlinien, unter Krachen und Splittern über ein paar kleinere Dornenbüsche hinweg. Schwer keucht mein glühender Motor, ich muss umschalten, auch das hilft nichts - runter von der Maschine, nebenher laufen und schieben, nur nicht stehen bleiben - mit einem Satz wieder in den Sattel und weiter über Geröll, Dornbüsche und durch weichen Sand. Weiter, nur immer weiter! Dann endlich fester Boden - das andere Ufer! Wackeres, treues Fahrzeug, du sollst jetzt ruhen! Für einen Augenblick werfe auch ich mich in den heißen Sand, reiße mich aber gleich wieder hoch. Wo ist mein vorausgefahrener Kamerad? Schimmert nicht dort, noch weit zurück im Flussbett, etwas Rotes? Sonderbar tief im Sande? Ich laufe auf die Stelle zu. Ja, das Motorrad ist es, aber wo ist der Fahrer? Ich komme näher heran. Da liegt er ja, bewegungslos neben seinem Gespann, ohnmächtig, dazu ohne Kopfbedeckung in der heißen Tropensonne. Er muss beim Versuch seine Maschine allein aus dem Sande herauszugraben unter der unmenschlichen Anstrengung zusammengebrochen sein. Armer Kerl!